Über Rübengeister (Riabagoaschter)

Spuk im Dorf: Unheimliche Nacht der Rübengeister

 

Die Ortschaft Göllsdorf am Fuß des Dissenhorns idyllisch gelegen, zieht mit ihrem Heimatfest, der Saukirbe, am ersten Sonntag im Oktober immer Tausende von Besuchern an. Den Auftakt zu diesem traditionellen Fest bildet eine Attraktion, die in ihrer Art einmalig ist, der nächtliche Umzug der Rübengeister. Im Unterschied vom Kirbe Festzug des Sonntags, der mit seinen nahezu hundert Gruppen ein vielgestaltiges Bild vom Leben und Geschehen des Dorfes in Geschichte und Gegenwart vermittelt, führt der Zug der Rübengeister in eine andere, längst vergessene Welt. Es ist die Welt der Dämonen und Ungeheuer, die hier beschworen wird, wenn sich eine fast endlose Horde von lichtglühenden Unholden durch die dunklen Straßen bewegt. Vor Beginn des Zuges erlöschen mit dem Abschalten der Straßenbeleuchtung schlagartig alle anderen elektrischen Lampen, wie Hofbeleuchtungen und Reklameleuchtkörper.

Ausgangspunkt und Kern dieses Stelldichein der Rübengeister bildet der alte Kinderbrauch, im Herbst aus frisch geernteten Rübenköpfen allerlei Spukgebilde zu formen und diese im Inneren durch eine Kerze erleuchteten Schreckgesichter abends an die Fenster zu stellen oder durch die Straßen zu tragen. Mit der Freude am Schabernack, am furchterregenden Spiel verbindet sich der uralte Gedanke, dem Unheimlichen und Unbestimmten, den dämonischen Mächten der Nacht wirkungskräftig zu begegnen. In diesen Kobolden und feurig drohenden Erdgeistern ist noch ein Stück uralten Volksglaubens lebendig, wie er sich auch in den Masken, Schemen und Larven der Fasnacht oder in den Feuern der Funkensonntage noch äußert: Gesichter zu Beginn jener unheilträchtigen, längeren Nächte, in denen der Mensch der Geisterwelt ausgeliefert ist.

Mögen diese gewachsenen, ausgehöhlten Gebilde harmloser und kindlicher als die Masken sein und nur von kurzer Dauer, im Grunde sprechen auch sie von all dem, was das Volk bedrängt, damit es Gestalt geworden seine Gewalt verlöre.

Diesen psychologisch-mythischen Hintergrund gilt es zu sehen, will man den tieferen Sinn der Entstehung eines Volksbrauches ermessen, der wie das Formen von Rübengeistern in bäuerlicher Naturverbundenheit gründet. Gerade in einer Zeit, die den natürlichen Rhythmus des Daseins immer mehr verliert, bedürfen Brauchtum und Tradition lebendiger Pflege.

Dass recht verstandene Brauchtumspflege auch heute die Jugend anspricht, zeigen die schöpferische Freude und Aktivität, mit der die Buben und Mädchen hierbei zu Werke gehen.

Die Arbeit beginnt schon bei der Auswahl der Rübenköpfe. Abgesehen von der Unterscheidung „Rundkopf“ oder „Spitzkopf“ weisen diese zuweilen schon Natur physiognomische Züge auf, die es zu entdecken und herauszuarbeiten gilt. Entstellungen und Missbildungen (Beulen, Warzen, Höcker, Haare) werden in die Formung einbezogen, und der Weg zur Grimasse und Fratze ist manchmal nicht so weit. Ein richtiger Rübengeistschnitzer versteht seine Arbeit: Er wählt beim Aushöhlen die dem „Geist“ entsprechende Wandungsstärke, von der es abhängt, inwieweit das Licht nicht nur die Durchbrüche (Augen, Nase und Mund) füllt, sondern das ganze Gesicht aufleuchten lässt. Dass das nächtliche Possenspiel neben grotesken und phantastischen Zügen auch Komisches und Ergötzliches umfasst, versteht sich von selbst. Zumal diese gewachsenen Masken auch Anstöße von allerhand schnurrigen Originalen und ausgelassenen Spaßvögeln erhalten.

Zum Umzug werden die Rübengeister, die in die Hunderte gehen, mittels Gabeln auf Stangen befestigt, um hoch oben ihre lichtgefüllten Fratzen schneiden zu können. Gerade die unterschiedliche Höhe gibt dem Rhythmus der Licht und Schreckgesichter einen eigenartig dämonischen Reiz, der durch die entsprechend nächtlichen Klänge der Musik noch erhöht wird.

Gespielt wird ein eigens für den Umzug komponiertes Rübengeisterlied, dessen origineller Text von den Kindern mitgesungen wird. Langsam bewegt sich der gespenstische Zug durch das Dorf und formiert sich auf dem Festplatz zum Schlussspalier. Wenn die Neonstäbe der Dorfbeleuchtung ihre moderne Helle dann wieder verbreiten, bleiben den Geistern die Lichter weg und der nächtliche Spuk ist für zwei Jahre vorbei.

 

Die Rübengeister reihen sich ein in die verschiedenen regionalen Licht-, Wärme-

und Erntedank Traditionen.

 

Mit Halloween hat das Rübengeisterschnitzen entgegen anderweitigen Meinungen aber wenig gemeinsam.

 

Verfasst von Egon Rieble 1988

Wie der Göllsdorfer Riabagoaschter Umzug entstand

 

„Wenn jed´ra Riab a Liacht ufgoht:

No isch d´Kirbe do.“

 

So endet der Refrain des Riabagoaschter Liades, das gesungen wird, wenn die bäuerlichen Lichtkobolde zu Hunderten von Kindern getragen mit Gabeln an Stangen befestigt am Saukirbe Samstag durch Göllsdorf ziehen.

„Wenn jed´ra Riab a Liacht ufgoht“, das meint vordergründig das Kerzenlicht, welches im Riabagoascht entzündet wird. Doch im Grunde genommen ist es eine Anspielung auf den damaligen Gemeinderat. Verstehbar wird dies, wenn man die Entstehungsgeschichte des Riabagoaschter Umzugs kennt. Eine denkwürdige Geschichte, die aus heutiger Sicht etwas Amüsantes hat.

Zuständig für die Saukirbe war der Göllsdorfer Gemeinderat, der durch „sachkundige Bürger“ zum Saukirbeausschuss erweitert wurde. In diesen Saukirbeausschuss wurde ich hineingewählt. Im Jahre 1956 kam im Gemeinderat der Wunsch auf, die Saukirbe schon am Samstag zu beginnen. Dafür suchte man eine zugkräftige Attraktion. Es dauerte nicht lange und sie war gefunden:

Ein Lampionumzug für die Kinder! Mir gefiel der Vorschlag keineswegs und ich sprach mich als Einziger dagegen aus. Dabei versuchte ich dem Gremium klar zu machen, dass der Lampionumzug schon durch Sankt Martin in Beschlag genommen ist und Lampions ohnehin nicht zur Saukirbe passen. Als ich statt Lampions Riabagoaschter ins Gespräch brachte, hatte ich das ganze Gremium gegen mich: „Altmodisch“, „hat es noch nie gegeben“, „lassen sich nicht tragen“, „lassen sich nicht befestigen“, „für die Kinder zu schwer“, „die Lichter gehen aus“, „niemand macht sich die Arbeit“, „heutige Kinder wollen das nicht“,.

Es brauchte mehrere Sitzungen um all diese Einwände und andere mit zunehmender Hilfe aus dem Gremium zu entschärfen. Schließlich blieb einzig noch das technische Problem. Es fand die Lösung: Eugen Bader (EUBAMA). Eine Gabel am Stab. Der Weg war frei, um über den Riabagoaschter Umzug abzustimmen. Er wurde einstimmig beschlossen. Was noch fehlte, war ein Riabagoaschter Liad. Dazu brauchte es fast eine Nacht und sehr viel Kaffee von meiner Frau, mit Einfällen, Tasse um Tasse frisch serviert. „Und wenn dr Mo am Himmel stoht, fast zum Greifa noh“, das war das letzte Bild.

Der Schlussrefrain war schon fertig.

Für mich war es besonders erfreulich, wie schnell die Schüler der damaligen Volksschule in Göllsdorf, die Bilder des Textes blickten: „Goaschterbah“, „Hexabruat g´füllt mit Wuat“, „O je, se lachet uff da Zäh!“ und mit welcher Begeisterung sie das Riabagoaschter Liad sangen, das von Josef Sohm, einem namhaften Rottweiler Komponisten, vertont worden war. Dass die Uraufführung des Riabagoaschter Umzugs eingeschlagen hat, ist bekannt. Heute ist der Riabagoaschter Umzug das herausragende Ereignis der Göllsdorfer Saukirbe und fester Bestandteil des Kirbebrauchtums in Baden Württemberg. In diesem Zusammenhang wurde er auch im Fernsehen vorgestellt. Inzwischen wird auch im Land, wie etwa in Dürmettingen in Oberschwaben, der Versuch gemacht ihn zu kopieren.

 

Verfasst von Egon Rieble 1978

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